WolfgangMature

Wolfgang saß an seinem Schreibtisch und sezierte ein Brötchen. Unter dem Käse war eine Scheibe Wurst und darunter Salat. Die Tomate fehlte schon wieder, dafür schwammen drei Scheiben Gurke auf einem Klecks Majonäse. Wolfgang überlegte, ob er sich ans Telefon schwingen sollte, um der dicken Bäckerin seine Meinung zu husten. Erst gestern hatte er ihr erklärt, dass er Tomaten wolle und keine Gurken. Missmutig glotzte Wolfgang ins Brötchen. Da öffnete sich die Tür.
„Doktor Schneider, schon wieder ein Notfall!“
Das junge Mädchen im Türspalt schwenkte eine Akte. Wolfgang hätte sie gern auf den Schreibtisch geworfen, ihr den weißen Praxiskittel vom Leib gerissen und sie statt dem Brötchen zum Frühstück vernascht, doch er verzog keine Miene.
„Ich bin beim Essen.“
Wolfgang schloss das Brötchen und führte es zum Mund. Er nahm einen großen Bissen und kaute genüsslich. Selbst die Gurken schmeckten. Unbeeindruckt schaute das Mädchen ihm zu.
„Soll ich den Patienten herein schicken?“
„Was ist es denn?“
„Ein Schnitt im Oberschenkel. Mit einer Kettensäge.“
„Wie tief?“
„Etwas zwei Zentimeter.“
„Blutet?“
„Ziemlich.“
„Druckverband?“
„Schon angelegt.“
„Wunde gereinigt?“
„Noch nicht.“
„Gut", schmatzte Wolfgang, „nach dem Frühstück kümmere ich mich darum.“
Er biss ins Brötchen und sah aus dem Fenster: trübes Herbstwetter, Laub auf der Straße, parkende Autos. Seitdem der Briefträger den Hund des Hausmeisters überfahren hatte, war es eintönig geworden. Auch beim Schreibwarengeschäft war nichts mehr los. Nur gegen Mittag, wenn die Grundschüler auf ihren Fahrrädern vorbei radelten, lohnte es sich, einen Blick aus dem Fenster zu werfen.
Wolfgang schob den letzten Bissen in den Mund und kaute ihn schmatzend. Dabei knüllte er das Brötchentüte zu einem Ball und beförderte sie mit einem gekonnten Wurf in den Papierkorb. Er schluckte den letzten Bissen, klatschte in die Hände und lachte.

The End

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