Wolfgang sezierte ein Brötchen (German)Mature

Eine Geschichte, die sich rund um Charaktere in einer Kleinstadt entspannt. Der Titel wird sich noch ändern. Ebenso der Aufbau der Geschichte. Derzeit ist mir nicht klar, wohin sich das ganze bewegt.

Herta
Schwungvoll öffnete sich die Tür, das Messingglöckchen am Türrahmen bimmelte aufgeregt, und mit einem kalten Lufthauch strömte eine Traube Kinder in den Verkaufsraum. Herta Müller, sechsundfünfzig Jahre alt und seit über zwanzig Jahren im Schreibwarengeschäft, erhob sich hinter dem Tresen und schaute den Kindern entgegen. Sie trugen Schulranzen auf ihren Rücken und rannten kreischend zwischen den Auslagen umher. Hin und wieder streifte ein Ranzen einen der Auslagetische, und ein Stapel Bücher oder Hefte, ja sogar ein ganzes Fach voll Buntstifte fiel krachend zu Boden.
„Jetzt ist aber Schluss!“, schrie Herta und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.
Wie erstarrt blieben die Kinder stehen und schauten sie an. Es waren schneeweiße Grundschulgesichter. In ihren Anorak gepackt, den Ranzen auf dem Rücken sahen sie aus wie kleine Astronauten.
„Was fällt euch ein, hier so ein Chaos zu veranstalten?“
Regungslos schauten die Kinder zu ihr herüber. Herta blickte von einem zum anderen. Diese Kinder hatte sie noch nie gesehen. Aus der benachbarten Grundschule kamen sie nicht. Keines der Gesichter war ihr bekannt. Sie wirkten so weiß und zerbrechlich, als seien es Porzellanpuppen.
„Eigenartig", dachte Herta, „was sind das für Kinder?“
Sie ging auf die Schüler zu, doch keiner bewegte sich vom Fleck. Sie drehten sich nicht einmal um, als Herta an ihnen vorüber schritt. Vor einem kleinen Mädchen blieb sie stehen. Es hatte hellblonde Haare und leuchtend blaue Augen. Die Augen waren weit aufgerissen, doch der Blick ging ins Leere. Herta hob die Hand und schwenkte sie vor dem Gesicht des Kindes. Es zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Woher kommt ihr? Was macht ihr hier?“
Sie blickte in die bleichen Gesichter, doch die Kinder antworteten nicht. Wie eingefroren standen sie zwischen den Büchern und Heften. Es schien, als gehörten sie zum Inventar. Als hätte sie jemand als Schaufensterpuppen im Ladenlokal aufgestellt.
„So was!“
Über zwanzig Jahre war Herta nun schon im Schreibwarengeschäft, doch so etwas hatte sie noch niemals erlebt. Sollte sie die Polizei rufen?
Sie ging zum Tresen und hob den Telefonhörer. Sie blätterte durch ihr Adressbuch und entschied sich schließlich für die Nummer ihres Schwagers. Den Blick auf die Kinder gerichtet, drehte sie die Wählscheibe. Es klackte verhalten im Hörer, schließlich ertönte das Freizeichen.
„Schomakers?“, sprach eine tiefe Männerstimme.
„Willi!“, flüsterte Herta, „Du glaubst es nicht! Da steht ein Dutzend Kinder in meinem Laden!“
„Das soll vorkommen“, brummte es am anderen Ende der Leitung.
„Nein, du verstehst nicht! Da stehen Kinder.“
„Sicher. Das habe ich schon verstanden. Wo ist das Problem? Du hast ein Geschäft, also verkaufst du denen einen Bleistift, und dann bist du sie los!“
„Willi!“, zischte Herta, „Die stehen hier nur rum. Denen kann ich nichts verkaufen. Die glotzen mich nur an!“
„Dann schick sie doch raus!“
„Aber die bewegen sich nicht!“
Herta wusste nicht, wie sie die Szene beschreiben sollte. Da war eine Schar Kinder, die regungslos in ihrem Laden herumstand. Wie sollte man das in Worte fassen?
„Herta, warum hast du mich angerufen? Soll ich vorbeikommen, und denen Beine machen?“
„Herrgott, ja, Willi! Ich weiß nicht, was ich machen soll! Die stehen hier im Laden und glotzen mich an. Hast du so was schon mal erlebt?“
„Kinder, die rumstehen und glotzen?“
„Wenn ich‘s doch sage!“
„Herta, das gibt‘s an jeder Straßenecke. Deswegen brauchst du mich nicht anrufen.“
„Willi, ich bitte dich! Komm einfach!“
„Schon gut“, brummte Willi, „bin ja schon unterwegs.“

The End

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