Einleitung

Es war nur ein leiser, kurzer Satz, der mir regelrecht körperliche Schmerzen bereitete. Wie ein Stich ins arg verkrampfte Herz, der die Brust einschnürte. Der Satz eines kleinen Jungen, gerade acht Jahre alt, der mich gänzlich betäubte. Stumm saß ich neben ihm auf Rebeckas und Rainers Bett.
Gerade noch hatte mich mein Onkel Rainer aus dem Internat abgeholt. Wir schwiegen die ganze Fahrt. Es gab nichts zu reden, und selbst das war zu viel. Seit Sonntag war die Welt nicht mehr die gleiche und sie würde es nie wieder sein, aber wie sich herausstellte, würde ich das jahrelang nicht begreifen können. Ein Mensch war tot. Sonntag mittag wurde meine Mutter vermisst. Alle suchten sie, fuhren die Straßen ab, man fand sie erhängt auf dem Dachboden meines Elternhauses. Ich wohnte derzeit schon länger bei meinen Großeltern neben der Dorfkirche nicht weit von meinem Elterhaus entfernt auf dem Dachboden. Mein Großvater Wilfried stand in der Haustür: "Die Mutti ist tot."
"NEIN!" Ich glaube, nie wurde im Dorf so laut geschrien. Ich rannte die Treppe hoch in mein Zimmer, knallte die Tür und verzweifelte. Alles um mich herum war plötzlich weg, dumpf und ich war einfach nur gelähmt. Ich rannte die Treppe hinunter, verließ das Haus, rannte zur schmalen Gasse, wo die Straße abbog, am Ende der kleinen Gasse, sah ich auf dem Nachbarshof den kleinen achtjährigen Jungen mit anderen Kindern spielen. Meinen Bruder Paul. Einige Meter weiter stand ein Polizeiwagen an der Straßenseite. Gegenüber mein Elternhaus. Ich lächelte und winkte gezwungen meinem kleinen Bruder zu. "Hallo Nils!" Er freute sich, mich zu sehen. Damals war er regelrecht vernarrt in mich. Ich rannte zum Elternhaus, die Treppen rauf, doch man hielt mich zurück.
"Ich will zur Mutti!"
"Nils, lass sein, tu Dir das nicht an!"
Man ließ mich nicht. Ich rannte in die Wohnung und erst jetzt hörte ich das Geschrei meines Vaters Wilbrecht: "GERDA!, GERDA!"
Viele Leute kümmerten sich um ihn und er schrie und schrie und schrie. Kein Aas kümmerte sich um mich, und ich war doch der Sohn!
Ich fuhr noch am gleichen Tag ins Internat. Ich musste weg! Die ganze Zeit schweigte ich im Zug und ich weiß nicht, was Mr. M. und meine anderen mitreißenden Freunde dachten. Im Internat legte ich mich gleich ins Bett und verbrachte möglichst viel Zeit darin um alleine zu sein und mich meiner Leere hinzugeben. Nur der Schule, dem Essen und der Körperpflege schenkte ich stumm Beachtung. In der Stadt kaufte ich eine schwarze Jeanshose für die sicher bald anstehende Beerdigung. Am Mittwoch stieg ich erst gar nicht aus dem Bett und ging nicht zum Unterricht. Da klopfte es an der Tür. Mein Onkel Rainer kam mich abholen. Wir fuhren erst zu ihm und Tante Rebecka. Sie hatten beide Paul zu sich genommen. Und da setzte ich mich neben meinen kleinen Paul auf das Bett.
"Nils, weißt Du schon, die Mutti ist jetzt im Himmel" Und da war er, dieser Satz, der mir noch heute die Kehle zuschnürt.

The End

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