Lügen haben kurze Beine, Gedanken nicht

Es war einmal ein Gedanke, der ging auf Wanderschaft. Er hielt sich gerne an einem Ort auf und kam auch liebend gerne wieder dorthin zurück, von wo er einmal hergekommen war. Er sagte brav Guten Tag, ließ jedoch grundsätzlich ein Auf Wiedersehen vermissen, wenn er sich erneut auf den Weg machte. Auf, in die weite Welt, um in anderen Köpfen zu hausen, andere Geister zu quälen, in andere Windungen zu schauen, ob er weitere Gedanken dazu bringen konnte, die Welt oder ihre Bewohner auf den Kopf zu stellen.

"Denkt man mir hinterher?" fragter er sich. "Will man, dass ich bleibe? Bin ich überhaupt erwünscht?" Unabhängig, ob nun in jenem Kopf oder dort, wo Pfeffer gerne wächst – wo auch immer das war, denn der Satz hatte es ihm damals nicht gesagt, als er ihn das erste Mal getroffen hatte und das war auch nicht wichtig, denn der Gedanke an sich kümmert sich weder um Pfeffer, noch um schlechte Laune oder Wünsche. Für ihn sind es nur gute oder schlechte Denkpartner, Freunde, mit denen um das Lagerfeuer getanzt wird, Nachbarn, die ein und gleich wieder ausziehen und entweder klopfen oder eben nicht. Auch ein Gedanke kann Hummeln haben, wo eigentlich sein Hinterteil sein sollte, denn für einen Gedanken gibt es nichts Schöneres als dort zu sein, wo nichts anderes ist. Köpfe von Meditierenden, die sich nicht an ihm festhalten wollen, ein gedankenverlorener Mann, der aus dem Fenster schaut und nicht einmal merkt, dass ihm ein Gedanke aus den Augen blickt.

Auch die Lust ist ein schöner Gedanke, der oft und häufig umherstreift. Die Lustgedanken sind ein geselliges Volk. Sie suchen einander, um sich auszutauschen und werden sehr kreativ, wenn es darum geht, dominant den Kopf einzunehmen, um sich dann klamm und heimlich zu verdrücken und im lustigen Kopf eine große Leere zu hinterlassen. Sie verstehen ihr Handwerk. Doch nicht jeder Gedanke hat das Glück, ein Lustgedanke zu werden, obwohl diese sich ganz besonders in frühen Zeiten sehr stark vermehrten und in Menschen, die von Hunger und Durst keine Ahnung hatten, mit Vorliebe blieben und sich gar mehrmals am Tag zu innerem Worte meldeten.

Eines Tages kam der Gedanke in einen Kopf, der nicht durch Haare geschützt war und dessen Falten auf der Vorderseite zeigten, dass sich dort schon mancher Gedanke für längere Zeit festgesetzt hatte. Er traf haarige Sätze, Geschichten über gesunde Ernährung, linksherum gedrehten Joghurt und Frauen, die mehr Geld wollten, als ihnen für eine Stunde zustand. Er traf Gedanken, die ungewollten Haarausfall begünstigten und eine Sehschwäche, die vorgab, keine zu sein, aber sehr gerne Grund für die Falten auf Stirn und Schläfen des kopfhaarlosen Menschen war. Er unterhielt sich sprachlos mit einer ganzen Bande von Berufsgedanken, die ohne Unterbrechung herumwirbelten und sich ziemlich wichtig nahmen. Als er ihnen einen Vogel zeigte, sahen sie diesen nicht, denn sie waren zu beschäftigt, die Jungs pünktlicher Feierabend, Unzufriedenheit und Wochenende anzustacheln, auch mal etwas mehr auf die Pauke zu hauen. Das taten sie dann auch. Und ließen das Mittagessen ausfallen.

Als der Gedanke sich ein wenig in die äußeren Bereiche des Glatzeninneren fallen ließ, fand er mehr Ruhe. Er fand es recht anstrengend, niemandem das Plappern verbieten zu können. Er war nicht einnehmend, nicht egoistisch und nicht machtgierig und somit keiner von denen, die es vollbrachten, andere Gedanken zum Schweigen zu bringen oder sich sogar ganz aufzugeben und einen stillen Tod zu sterben. Er war kein starker Gedanke.
Noch nicht.
Und deshalb gefiel es ihm, hier am Rande zu sein. Es gab ausreichend Platz zum Streunen, es gab tagsüber nachtaktive Gedanken, denen man beim Schlafen und Schnarchen zuschauen konnte, während alle anderen sie neckten, sie in lauwarmes Wasser tauchten, so dass sie murmelten, ein wenig austraten und Bilder vom Vortag in die Luft malten, ohne aufzuwachen. Erinnerungen an verstorbene Familienmitglieder saßen gemütlich um eine wunderschön verzierte Kanne Tee und lächelten einander zu. Kinderwünsche tollten umher und kreischten ihre Energie unerhört in die Ferne. Eine Mofa stand in einer Ecke und schien ein wenig traurig zu sein. Sie hatte schon bessere Tage gesehen und brummelte etwas von "früher" und "Autos sind blöd", doch niemand nahm es ihr übel.
Alle schienen sich mit ihrer Situation abgefunden zu haben und lebten im Einklang miteinander, obwohl es auch hier, am Rande ein stetiges Kommen und Gehen gab, das nur einen kleinen Kern von Gedanken übrig ließ.
Der Gedanke ging an der immer noch murmelnden Mofa vorbei und bewegte sich auf das Feuer zu, das so heimisch und einladend flackerte und eine Wand von sich wärmenden Händen um sich hatte. Doch als er bis auf wenige Schritte herangekommen war, passierte etwas seltsames. Die Gedanken, die noch vor Augenblicken ausgelassen und munter waren, verstummten plötzlich und schauten dem Neuankömmling entgegen. Natürlich ist es mehr als ungemütlich, mit einem Male so zum Zentrum des Interesses zu werden, vor allem in einer völlig neuen Umgebung, ohne eine einzige Seele zu erkennen oder jemals an ihrer Seite in einem Gedankengang gewesen zu sein.
Er blieb stehen. Die anderen schauten immer noch und schienen etwas zu erwarten.
"Was... ist irgendetwas?" fragte der Gedanken und steckte die Hände in die Taschen. Der Rest räusperte sich, suchte mit einem Male geschäftig nach Dingen, die nicht da waren und einige kurze, heimliche Blicke wurden ausgetauscht. Ein alter, weißhaariger Gedanke stützte sich schwer auf seinen Stock und antwortete:
"Sohn", sagte er, "du bist noch jung und weißt nichts von der Welt. Doch wir kennen dich." Zustimmend nickten die anderen im Kreise des Feuers. Einladend sah es jedoch nicht aus.
"Aber woher...? Ich, ich habe noch niemanden von euch gesehen auf meinen Reisen."
"Jeder von uns kennt dich oder hat dich zumindest schon einmal zufällig gesehen. Man redet viel über dich. Doch eher in alten, gedankenvollen Köpfen. In jungen Köpfen voller bunter Phantasie haben wir dich noch nie gesehen."
"Ich verstehe nicht", sagte der Neuankömmling. "Bin ich zu unaufmerksam, dass ich noch niemals einen von euch wahrgenommen habe? Bin ich unhöflich und sah euch, ohne euch zu grüßen? Das täte mir leid und war nicht meine Absicht!" Die Hände in seinen Taschen wurden schwitzig und er merkte, dass er nicht unbedingt ruhter wurde durch die Erklärungen der anderen.
"Nein, Unhöflichkeit kann man dir nie unterstellen", sagte ein Bausparvertragsgedanke, der vorher unaufhörlich auf seine dicke Uhr geschaut hatte. "Du bist – sagen wir mal – höflich bestimmt. Du hältst dich oft nicht an Verabredungen, kommst und gehst, wann immer es dir gefällt und verbreitest gerade in jungen Jahren... viel Angst." Der Bausparvertragsgedanke nahm seinen kleinen schwarzen Aktenkoffer, tippte sich kurz an seinen Hut und verließ dann hastig das Feuer. Der Gedanke schaute dem anderen hinterher. Es stimmte; Pünktlichkeit war ihm ein Greuel, Verabredungen fand er unwichtig. Aber die Sache mit der Angst verstand er nicht.

The End

4 comments about this story Feed