Körnerbrot und Gänseblümchen

Eines Morgens setzte Björn sich mit hoch rotem Kopf an seinen Schreibtisch. Er hatte keine Lust mehr auf all den Schnickschnack, der von ihm erwartet wurde. Jeden Abend gemeinsames Abendessen mit Ananda und Gomesch, denn so nannten seine Eltern sich seit etwa zwei Jahren. 'Mama' und 'Papa' waren von einem Tag auf den anderen abgeschafft worden. Jetzt gab es nur noch diese beiden Späthippies mit kahlrasierten Köpfen und Glöckchen an den Fußgelenken. Und Björn mitten drin in dieser Gänseblümchenkommune.

Am Essplatz trafen sie sich dann, jeden Abend, die ganze Kleinsippe zu der sie jetzt gehörten, und es wurde besprochen wie der Tag für jeden war. Björn hasste dieses ewige Auseinandernehmen jeder noch so kleinen Gefühlsregung ebenso sehr wie die Kreativkurse, die jeder besuchen konnte und die Kerzen, die in allen Räumen verteilt waren.

"Wir sitzen gerne auf dem Boden", sagte Jolandar mit einem Lächeln des inneren Friedens, als Björn bei seiner Ankunft fragte, warum es keinerlei Tische gebe. "Der Boden ist die Haut der Erde, durch die allein wir existieren."

Anfangs hatte Björn das alles noch lustig gefunden. Immerhin wurde niemand zu etwas gezwungen, es wurde einem nur wärmstens empfohlen. Jeden Tag aufs Neue. Mit der Zeit ging Björn das alles immer mehr auf die Nerven und jetzt war das Fass endgültig übergelaufen. Er wollte nur noch weg.

Am anderen Ende der Stadt. Wolf ging den Bürgersteig hinunter. Er kam gerade von der Arbeit und wie jeden Tag konnte er es kaum erwarten, eben nicht nach Hause zu kommen. Er war mies gelaunt. Noch vor einer Stunde Geflirte mit seiner neuen Assistentin, die ihm schon sehr schnell zu verstehen gegeben hatte, was "für ein heißer Feger" er war. Noch vor einer Stunde innerliche Freude, weil Wolf - der gerissene Fuchs - schon vorher wusste, was Anita mit ihm vorhatte. Er wusste, was sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz alles anrichten konnte. Er wusste aber auch, dass Videobeweise eine ganze Menge verhindern konnten. Er dachte noch einmal an die versteckte Kamera in seinem Arbeitszimmer und musste grinsen. Kurz bevor er wieder ernst wurde als ihm einfiel, wohin er gerade ging. Er trat eine auf dem Gehweg liegende Dose auf die Straße und fluchte leise: "Sina... Du mieses Stück Dreck..."

The End

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