Elfterneunter

Aufgrund einer Verwechslung von 28 Jahren musste Mara sterben.
Ich kenne die Frauen!
Kaum wechsle ich ein paar Worte mit ihnen, schon wollen sie mit in meine Wohnung, Kaffee trinken, unterhalten oder sonst was. So meide ich Frauen, eigentlich nicht wirklich, aber irgendwie, denn schlimmer als in meinem zweifellos verwahrlosten Leben sieht es in meiner Wohnung aus und dafür will ich mich nicht schämen müssen.
Frauen sind glaube ich immer auf der Suche nach dem Besonderen und geführt von einem verlogenen Stern glauben sie manchmal, dies in mir zu finden, das ist Blödsinn und spricht nicht für deren Erkenntnisfähigkeit, zumindest in diesen Dingen. Ich habe Eigenschaften, die als besonders gelten könnten, aber diese suchen sie nicht, also besonders träge, faul, schlampig, müde, selbstzufrieden, hungrig, ja!
Ich mache mir nicht die Mühe in die Küche zu gehen, denn da ist nichts zum Essen, ich vermeide, mich in Situationen zu führen, in denen ich nicht anders kann, als die mich umgebende Ausweglosigkeit zu erkennen.
Sonntags, Sonntags ist es besser, denn wenn ich am Samstag über genügend Geld verfüge leiste ich mir den Luxus und kaufe mir eine Flasche Mineralwasser, französisches und dann, wenn die Sonne scheint, setze ich mich auf die Terrasse, und genieße den Geschmack, so weich, ohne Rostpartikel und Leitungsgeschmack, Minuten schönster Träume kann ich mir so schaffen und das Leben ist schön.
Keine Liebesgeschichten, möglichst noch in großer Zahl, das halte ich nicht aus, ich habe ein Gespür, wann es anfängt anders zu werden und habe es so bis heute geschafft, die Zahl meiner Liebschaften in überschaubaren Grenzen zu halten.
Genau kenne ich das, die Lippen werden voller, die Bewegung der Hand in die Haare fahriger und die Augen fangen an zu zittern, samt Pupillen. Das freut mich, aber dann darf ich kein falsches Wort mehr sagen, denn sonst fange ich an mich zu
verheddern, in dem Gespinst, das sie, nicht untalentiert, beginnen zu weben. Ich bin kein lebloser Stein und daher gefährdet. Ständig auf der Hut sind meine Bekanntschaften meist kurz, eine halbe Stunde, manchmal eine Ganze.
Im Kaffeehaus ist es einigermaßen sicher, da sitze ich am Tisch, kann in Ruhe die Zeitung lesen oder einfach dasitzen, nicht diese Unruhe, keine unangenehmen Briefe, die mir untergeschoben werden, kein Klingeln mit folgender Aufforderung die Zustellung des Einschreibens durch Unterschrift zu bestätigen oder gar Exekutor, einfach
Ruhe und Frieden. Auch die Frauen halten sich zurück,
setzen sich nicht zu mir, sehen vielleicht mal rüber, haben aber nicht den Mut, was mich enttäuscht, aber es ist besser so, denn ich weiß wie das eskalieren könnte.
Ich habe es auch schon mit der Wahrheit probiert, probiere es immer noch, ein kolossaler Irrtum zu hoffen, dass dies irgend etwas nützen könnte, das ganze Gegenteil ist der Fall, nichts ist schlimmer als die Wahrheit, die Phantasie geht mit ihnen durch und sie
glauben kein Wort vom Erzählten, wollen nicht. Als Kind hatte ich Angst vor bestimmten Büchern, ich hörte die Alten sagen, der Mann ohne Eigenschaften wäre schwer zu lesen und die Wörter von Sartre, "mein Gott!". Später stellte ich fest, der Mann ohne
Eigenschaften ist dick, nach meinem Geschmack zu dick, zu viele Wörter, während das Format von die Wörter einen ausgeglichenen Eindruck auf mich machte. Natürlich zog es mich zu den schweren Büchern hin, auch in der Hoffnung etwas extraordinäres darin zu finden, aber so ganz traute ich mich eine Zeitlang nicht. Also wenn man die Wahrheit von sich erzählt, sie müssen das genaue Gegenteil denken, ich sage ihnen, dass ich ein Gefühlskrüppel sei, grob und für Zärtlichkeiten viel zu unbehänd, sehe ihnen in das Gesicht und erkenne, ihre Phantasie geht durch mit ihnen, sie spüren Lippen über ihren Körper huschen, einfühlend, wollüstig die Haut fangend und verweilend dort wo sie es ersehnen, hoffnungslos, wie soll ich es jemals schaffen glücklich zu werden, wenn mich
die Welt so verkennt?
Ich bin kein Weichling, aber das, das hätte ich mir doch zu gerne erspart, also Mara, das hätte nicht sein müssen, egal was ich in einem meiner vorigen Leben anstellte, ich weiß es ja, aber das ist eine andere Geschichte.
Groß, schlank, blond, bildschön, das Gesicht herrlich kantig, genau so wie diese außergewöhnlichen Fotomodell, nicht feminin, ein bisschen zu kantig vielleicht. Mara liebte keine Umwege, als ich sie kennen lernte stand sie zwanzig Meter
entfernt von mir, ging schnurstracks auf mich zu und fiel mir um den Hals, passierte mir nicht zum ersten Mal, aber es überrascht mich immer wieder, nur habe ich zwischenzeitlich gelernt mit der Situation umzugehen. Blonde, schlanke, große, Frauen sind besonders anfällig, habe ich den Eindruck, hat vielleicht mit den Genen zu tun, vielleicht wäre es leichter für
mich, wenn sie dunkle Haare hätten, ich weiß es nicht. Natürlich reagieren auch dunkelhaarige, aber anders, ich weiß
nicht einmal ob sie sich vielleicht die Haare gefärbt haben und vielleicht gar nicht blond sind, tun nur so, dann hätte das
nichts mit den Genen zu tun, oder doch? Ich bin zu oberflächlich.
Mara hing noch um meinen Hals und schwups war sie tot. Ich verstehe ja, dass ab und zu jemand sterben muss, sonst gäbe es bald keinen Platz mehr auf der Erde, die Straßen wären  verstopfter und wahrscheinlich gäbe es noch mehr
Hungerleider als jetzt schon, denn für so viele Menschen reicht das Geld nicht, die Autos schon, aber das Geld nicht, nie und nimmer, unmöglich, denn Geld braucht bei weitem nicht soviel Platz wie Autos.

The End

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