At the Best of Times (German Version)Mature

Ich nahm das T-Shirt, das zerknüllt am Boden lag, auf und vergrub mein Gesicht im schwarzen Stoff. Der Geruch nach Zigaretten und Alkohol weckte schlagartig die Erinnerungen an vergangene Nacht und war eine Bestätigung, dass das Geschehene keineswegs nur die Ausgeburt meiner wirren Träume  gewesen war. Zwar war mein Gedächtnis durch diverse Flaschen Bier benebelt, doch die Fetzen und Bilder, die vor meinem inneren Auge aufstiegen, kamen mir durchaus real vor. Und doch wieder surreal.

Es war einer dieser Morgen, an denen man aufsteht, in den Spiegel schaut und das eigene Gesicht blickt einem verkatert entgegen, die Augen verquollen und der Kajalstift verschmiert, im Hals kratzen die Zigaretten und im Magen rebelliert der Alkohol und dennoch… man fühlt sich gut.

Das Lieblingslied, zu dem man die letzte Nacht wie besessen getanzt hat, spukt im Kopf herum. Einzelne Zeilen ziehen vorbei und ergeben plötzlich Sinn, denn es ist der Song deines Lebens und scheiße, es ist wahr. Life is unkind at the best of times.

Blicke, die getauscht wurden, hier mal ein verschwörerisches Lächeln, ein Augendrehen. Eine flüchtige Berührung am Arm, sein heißer Atem in deinem Gesicht, als er dir etwas ins Ohr schrie. Du hast es trotzdem nicht gehört, zu stark damit beschäftigt, einen normalen Eindruck zu erwecken und dir nicht anmerken zu lassen, dass du rot wirst und dein Herz rast, dir heiß und kalt wirst und du meinst, zu ersticken. Du versuchst zu verbergen, wie sehr dich das alles bewegt. Erregt.

Ich atmete durch und starrte in mein weißes Spiegelbild. Hielt mich am Waschbecken fest, denn mir war schwindlig, als ich daran dachte, was dem Ganzen gefolgt war. Es war mehr Alkohol geflossen und noch mehr, schließlich hatten wir guten Grund zu feiern.

Irgendwann hatten wir alle den Punkt erreicht, an dem uns die Kontrolle über uns selbst, über unsere Gefühle und unser Handeln, entglitten war und die Dinge von alleine ihren Lauf nahmen. Ihren erschreckenden, Schwindel erregenden Lauf, der einen den Kopf vernebelt und man nur Bruchstücke behalten kann. Ich meinte, mich an Einiges zu erinnern. Worte, Gesten, Berührungen, die über das Gewohnte, über unser normales, kumpelhaftes Verhältnis hinaus gegangen waren. Ich fühlte die Wärme seiner Hände, seine Haut, roch seinen Geruch und seinen Atem noch immer. Seine Lippen. Woher wusste ich plötzlich, wie sie sich anfühlten, wie sie schmeckten? Ein brüderlicher Kuss? Oder doch nicht?

War es möglich, dass ich mir, wie so oft, alles nur einbildete? War ich erneut meinen Gefühlen auf den Leim gegangen?

Mit einem Mal verschwand die Euphorie, schneller, als sie gekommen war und, reif an Erkenntnis der vergangen Monate, versank ich im tödlichen Strudel des Katers und der Depressionen. Schlagartig wurde mir bewusst, dass alles vermutlich wieder reine Hirngespinste gewesen waren, die Wunschträume des gestörten Perversen, der ich war. Wie schon tausende Male zuvor.  

Ich starrte mich an, wütend, wieder darauf reingefallen zu sein, mich ihm erneut ergeben zu haben – ohne dass er es wusste. In diesem Moment, sah ich, zu was ich wirklich geworden war. Klein, blass, die lächerliche Schminke, die am Abend vorher zusammen mit Tätowierungen, Piercings und ausgesuchten Klamotten meine coole Maske gewesen waren, mein Schutzpanzer, war verschmiert und verliehen mir das Aussehnen eines verheulten Transvestiten.  „Schau dich an, verflucht,“ flüsterte ich heißer dem jämmerlichen Clown im Spiegel zu, „ verdammte Schwuchtel.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The End

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